Wir bezahlen lieber Coaches und Lehrer, die uns belügen und Bullshit verkaufen, anstatt dem zuzuhören, der den Mut hat, am Boden liegenzubleiben.
- Tanja Weisenbach
- vor 12 Stunden
- 5 Min. Lesezeit
Vor kurzem bekam ich mal wieder per Messenger eine 12-Wochen-Fülle-Goddess-Empowerment- RiseUp-Mindset-Masterclass angeboten.
Meistens ignoriere ich das. Manchmal, so wie heute, frag ich nach, was mich denn da eigentlich erwartet.
Die Antwort:
"Freude, Glow und Fülle in allen Lebensbereichen. Dein Higher Self wird dauerhaft in deinem Leben Einzug nehmen und dich aus deinem Mangel raus katapultieren"
Alles klar. Danke.
Ernsthaft, ich frage mich schon so lange, warum so viel Bullshit als Spiritualität verkauft wird. Und warum wir uns verdammt noch mal so unter Druck setzen, das alles erreichen zu müssen. Wie unfassbar anstrengend!
Und heute fiel es mir wie Schuppen von den Augen:
Der Grund für diese ganze Show bist DU.
DU willst nicht, dass die Lehrer ehrlich sind.
DU willst, dass sie dir sagen, dass alles nur Fülle und Glanz u Gloria ist.
DU willst, dass sie dir die gebratenen Tauben direkt in den Mund legen.
Du willst lieber nett über das Leben philosophieren und eine 21-Tage-Challenge absolvieren, anstatt dich einfach bedingungslos hinzugeben. Lieber schöne Geschichten mit Happy End hören, anstatt dich auf das echte Leben einzulassen.
Das echte Leben, das keine Sicherheitszone kennt. Das Leben, das immer brandgefährlich ist.
Alle wollen nur noch einatmen. Mehr Geld, mehr Reichweite, mehr Liebe, mehr Energie, mehr Fülle, mehr von allem. Einatmen, einatmen, noch tiefer einatmen, bis die Lunge kurz vor dem Platzen steht. Aber das Ausatmen? Die Leere? Der Mangel? Das Nichts? Das wird in all den glitzernden Mindset-Seminaren und Coaching-Blasen als Blockade pathologisiert...
Aber das Leben ist nicht nur Einatmen. Es ist Atmen. Ein UND aus.
Als ich so über dieses Goddess-RiseUp-HighLife-Angebot sinnierte, erinnerte ich mich an ein mehrtägiges Spiri-Event in der Schweiz, auf das mich meine Mutter mitgeschleppt hat, als ich 17 Jahre alt war, also schon zieeeemlich lange her.
Noch heute sehe ich all diese Lehrer, Gurus und Coaches auf der glänzenden Bühne stehen. Sie redeten so wunderschön. Über Fülle, Erleuchtung, Manifestation...verpackt in kuschelige Übungen.
Obwohl es mich als junges Mädchen vielleicht hätte catchen sollen, war ich damals vor allem erstaunt darüber, wie fanatisch die Menschen ihnen folgten. Wie sie diese Leute auf den Bühnen anhimmelten, nur weil sie massentaugliches Licht-und-Liebe-Zeug von sich gaben.
Sie wirkten auf mich wie Junkies... immer auf der Suche nach dem nächsten spirituellen Gipfel voller guter Gefühle.
Versteh mich nicht falsch: Es gibt zweifellos Menschen, deren Worte wertvoll und unheimlich bereichernd sind.
Doch das, was ich auf diesem inszenierten Event hörte, waren für mich nur leere Worthülsen, herauskopiert aus Kalenderblättern.
Am Abend des letzten Eventtages waren wir in der Stadt beim Abendessen. Eine Freundin meiner Mutter, mit der wir dort waren, gabelte auf dem Weg ins Restaurant einen Obdachlosen auf. Sie lud diesen Mann ein, mit uns zu essen u bezahlte für ihn.
Dieser eine Akt bedingungsloser Nächstenliebe und dieser besondere Mann mit seiner ungeschminkten Lebensgeschichte waren rückblickend das wahre Highlight dieser gesamten Eventtage.
Nach drei Tagen künstlicher High-Vibe-Spiritualität lauschte ich zum ersten Mal einer echten Geschichte. Einer Geschichte, die von wahrer Transformation erzählte.
Vom Schmerz.
Vom am Boden liegen.
Von Trauer, Verlust, Einsamkeit und unbändiger Verzweiflung.
Aber auch von so viel Löwenmut, Hoffnung, Freiheit, Akzeptanz und radikaler Selbstverantwortung.
Dieser Mann hatte sich zu 100 % dem Leben verschrieben. Er nahm es bedingungslos an. Er war kein Opfer seiner Umstände, er entschied sich für diesen Weg, mit allen Konsequenzen. Was er uns an diesem Tisch "verkaufte", war kein künstlicher Glow. Es war sein ehrliches Scheitern.
Und seine bedingungslose Annahme des Lebens.
Ich dachte an all die Sprecher und Gurus, die ich Stunden zuvor noch auf der großen, glanzvollen Bühne erlebt hatte. Und dann sah ich diesen Mann, wie er voller Achtsamkeit seine Brokkolisuppe löffelte und dankbar für dieses einfache Geschenk war. Für mich war er der einzig wahre Lehrer dieser "Eventtage". ER war mein Event.
Mir wurde an diesem Abend klar, warum all die Speaker auf den großen Bühnen solche Geschichten niemals erzählen würden:
Weil sie vom Scheitern handeln. Und nicht vom schnellen Aufstehen, sondern vom Liegenbleiben.
Sie tun es aus Angst vor deinem Urteil.
Und sie tun es für dich. Sie legen einen bequemen spirituellen Bypass um all deine unguten Gefühle, damit du sie ja nicht spüren musst.
Sie spielen diese glitzernde Show, weil du die nackte Wahrheit nicht hören willst.
Du willst sie nicht hören und du willst vor allem nicht nach ihr leben. Du willst einfach nur mehr rosa Plüsch in deinem Gefängnis und jemanden, der dabei mit dir Händchen hält.
Echte Spiritualität ist keine neue Komfortzone. Sie ist das Gefährlichste, was du tun kannst. Sie ist das größte Risiko, weil sie das echte Leben ist. Das Leben, das flucht, scheitert und verzweifelt. Das nicht sofort wieder aufsteht und die Krone richtet... sondern liegenbleibt.
So lange, bis die Erde dich wieder von ganz alleine trägt...und nicht dein eisernes, erschöpftes Ego
Ich bin mir sicher: All diese glatten Lehrer auf der Bühne hätten im Hintergrund endlos krasse Geschichten zu erzählen. Aber du willst sie nicht hören. Du verurteilst die Lehrer, die ehrliche Geschichten vom Scheitern teilen, weil sie in deinen Augen "noch nicht weit genug" oder "nicht erleuchtet genug" sind, weil sie nicht in dauerhafter Fülle und Reichtum leben. Die Lehrer merken das.
Sie spüren ganz genau, was sich gut verkauft. Und genau das bieten sie dir an.
Weil du es so willst.
Sobald du bereit bist, die Wahrheit wirklich zu hören, wirst du sie bekommen. Genau so, wie ich sie an diesem Abend mit diesem Obdachlosen erleben durfte:
Echt. Ungeschminkt. Und ohne Scheinwerferlicht und glanzvolle Bühne.
Dieser vermeintlich "arme" Mann war bis heute einer meiner größten und reichsten Lehrer. Er war hochintelligent. Er hätte sich problemlos wieder ins System eingliedern und "nach oben" rappeln können. Aber er hat sich für den radikalen Matrixausstieg entschieden. Er sah sich keine Sekunde lang als Opfer. Während die Gurus auf den Bühnen davon faseln, wie man sich AUS der System manifestiert, hat dieser Mann es einfach getan. Auf dem Asphalt. Mit allen Konsequenzen.
Er besaß etwas, das du für kein Geld der Welt kaufen kannst...
eine totale, unerschütterliche Autonomie.
Er besaß sich selbst, völlig frei von der Sucht nach einem glänzenden Image oder der Bestätigung anderer. Mit seiner bloßen Existenz zeigte er dem ewigen Kreislauf aus höher, schneller, weiter den Mittelfinger.
Es war seine ganz persönliche, unaufgeregte Rebellion gegen unseren kollektiven Wahnsinn.
Und das Befreiendste an ihm war, dass er absolut nichts beweisen musste. Er saß an unserem Tisch ohne Maske, ohne Titel und ohne jede Verkaufsabsicht. Er war einfach nur da. Vollständig und selbstbestimmt er selbst....
Das ist für mich wahrer Reichtum.
Wenn du aufhörst, um Erlaubnis zu fragen, ob du existieren darfst. Wenn du dich einfach hinsetzt, deine Maske abnimmst und den Mut hast, genau da zu sein, wo du gerade bist und sein willst...
und wenn es eben am Boden ist...


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